Historisches
Die Zünfte als Vorläufer der Gewerbevereine
Die ältesten Zusammenschlüsse von Selbständigen waren die Zünfte. Sie gehen auf das 11. und 12. Jahrhundert zurück - die älteste der großen entstand im Jahre 1149 in Köln -, als in den mittelalterlichen Städten Märkte und Messen aus dem Boden schossen und Handwerker sich an diesen Handelsknoten niederließen und damit dort konzentrierten. Ihr Zusammenschluß in Zünften mit all ihren Vorschriften sollte dazu dienen, der bedrohlichen Konkurenz zwischen ihnen Herr zu werden. Niemand sollte über Gebühr raffen können, während ein anderer verhungert. Jeder sollte ein "gediegenes Auskommen" haben.
Die ersten Zünfte faßten Bäcker, Metzger, Müller, Hafner (Töpfer), Tuchmacher, Leinenweber, Schuhmacher, Schneider, Kupferschmiede, Huf- und Wagen-Schmiede, Küfer, Maurer, Zimmerer, Steinhauer und Wagner zusammen.
Die Zünfte hatten strenge Vorschriften. Vorgeschrieben war nicht nur der Ablauf der jährlich stattfindenden Wahlen in ihren Gremien (ein für die damalige, feudalistische Zeit übrigens hochmodernes Verfahren), sondern auch die Ausbildung und die Betriebsführung der Handwerker. Jeder Geselle mußte, wollte er zur Meisterprüfung zugelassen werden, zu seiner zwei- oder dreijährigen Lehrzeit ein Wanderjahr nachweisen und unter Aufsicht seiner Meister Gesellen- oder Meisterstücke anfertigen. Erst durch den Meisterbrief erwarb sich der Handwerker die Aufnahme in die Zunft sowie Niederlassungs- und in späteren Zeiten gar Bürgerrecht. Personen, die diese Vorgaben nicht erfüllten, waren enstpechend von handwerklicher Tätigkeit ausgeschlossen. "Die Stöhrer, Stümper und Pfuscher, so nicht zünftig gelernt oder nirgends sich zünftig niedergelassen, hin und wieder herum vagieren, stöhren und Handwerk verstumbeln, sollen keineswegs geduldet, sondern gänmzlich ab- und ausgeschafft werden", hieß es etwa in einer Zunftordnung. Diese Vorschriften sorgten zwar für soziale Sicherheit des Handwerks und hohe Qualitätsstandards für die Kunden, versperrten denjenigen jedoch, die sich diesem System nicht unterwarfen, eine angemssene wirtschaftliche Existenz. Aus der Masse der daraus entstehenden Lohnarbeiter entwickelte brisanter sozialer Sprengstoff.
Im 17. und 18. Jahrhundert reagierten die Zünfte auf diesen ökonomischen Druck sogar mit einer Verschärfung ihrer Vorschriften. Aufgrund ihres Rechts, jeden Fremden nach Belieben auszuschließen, die Anzahl ihrer Mitglieder zu bestimmen und die Art des Betriebes zu regeln, bestimmte die Zunft, um den kleiner werdenden Kuchen unter den Zunftmitgliedern gerechter verteilen zu können, daß jeder Meister nur einen Gesellen und einen Lehrling beschäftigen sollte, damit nicht mehr Aufträge ausführen konnte als der andere. Die Anforderungen an Gesellenprüfungen und Meisterstücke wurden deutlich verschärft. Das führte zwar dazu, daß die Gesellen- und Meisterstücke jener Zeit ihre künstlerische Blüte erlebten, die Prüfung jedoch - was ja das Ziel war - von immer weniger Anwärtern bestanden werden konnte. Das Heer des sozialen Proletariats des ausgehenden Mittelalters wurde immer größer.
Der Staat erkannte in dieser Entwicklung auch die negativen Auswirkungen auf technische Innovation und versuchte ihr entgegen zu wirken. 1751 griffen die Behörden in das Zunftrecht ein und verboten "verkünstelte und unverkäufliche Meisterstücke". 1761 hoben sie von Staats wegen die Vorschrift auf, wonach kein unverheirateter Meister ein Handwerk ausüben dürfe. Überhaupt wurden alle Zunftbräuche, die nicht ausdrücklich behördlich bestätigt wurden, fortan verboten. 1767 setzten die Behörden die Gantverordnung in Kraft: Wer seinen Handwerksbetrieb nicht effizient führte, wurde zur Besserung ein Jahr unter Kuratel gestellt und danach enteignet. Dem fürstlichen Oberamtsmann mußte zudem die Tagesordnung der Zunfttage vorgelegt werden; "Neckereien" und "Kindereien", sprich: abschreckende Schikanen gegen Lehrlinge und Gesellen, hatten fortan zu unterbleiben.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatten sich die Zünfte, soweit sie organisatorisch überhaupt noch bestanden, bereits überlebt, lange bevor sie in Baden mit dem Gewerbegesetz vom 20. September 1862 auch rechtlich ihr Ende gefunden hatten. Die mittelalterliche Standesorganisation des Handwerks hatte zunehmend zwei grundsätzliche Bedingungen für ein erfolgreiches Wirtschaften ignoriert: die Freiheit des Wettbewerbs und damit auch die Fähigkeit zur technologischen Innovation. In seinem unerschütterlichen Vertrauen auf die Wirkungskraft adminstrativer Regelungen war das Zunftwesen dem entstehenden Marxismus verwandter als dem Kapitalismus, der ihm schließlich den historischen Todesstoß versetzte.
Die Entstehung der Gewerbevereine
Der älteste noch bestehende Gewerbeverein ist der Handwerker- und Gewerbeverein in Erbach-Donaurieden unweit von Ulm. Seit 277 Jahren finden sich die Selbständigen des Ortes zusammen, um ihre Interessen gemeinsam zu vertreten.
Der Verein wurde 1722 als kombinierte Handwerker-Zunft gegründet - ein Akt, der noch der Genehmigung des Deutschen Kaisers in Wien. Ihre Bitte um positiven Bescheid begründeten die Gründerväter damals unter anderem damit, daß sie sich bisher "ausserhalb all hiesigen Marckht fleckhens by anderen Orthen zünfftig einkhaufen, und daby große Kösten leiden müssten". Es ging also unter anderem um die Verhinderung von Kaufkraft-Abfluß in andere Gemeinden - bis heute Ziel eines jeden Gewerbevereins.
Zunächst waren die Handwerkszweige Schuhmacher, Schneider, Weber, Küfer, Metzger, Schmiede, Schlosser, Glaser, Waagner, Schreiner, Seiler, Bäcker, Maurer, Zimmerleute, Müller und Brauer in der Zunft vereint. Gemäß ihren Statuten hatte die Zunft auch das Recht, Meisterstücke abzunehmen und Lehrlinge "ledig zu sprechen", das heißt: Gesellenprüfungen vorzunehmen. Der Zunftbeitrag betrug zwölf Kreuzer jährlich für Meister und sechs Kreuzer für Gesellen. Ein Großteil davon wurde übrigens jeweils auf der Jahresversammlung verzehrt - das traditionelle Abendessen auf der Jahreshauptversammlung der GdS hat also durchaus seine historischen Vorgänger.
Die personelle und organisatorische Kontinutiät zwischen traditioneller Zunftgilde und Handwerksverein und der Zeit des Verfalls der alten Zünfte und dem Beginn der Gewerbevereinsbewegung macht die einzigartige Besonderheit dieses Vereins aus.
Nach Niedergang und Auflösung der Zünfte suchte der gewerbliche Mittelstand im 18. Jahrhundert neue Organisations-Formen, um das wirtschaftliche und politische Geschehen in seinem Umfeld zu beeinflussen. Es bildeten sich die ersten Gewerbevereine, deren Unterschied zu den Zünften darin bestand, daß sie die branchen-übergreifende Zusammenarbeit der Gewerbetreibenden auf ihre Fahne schrieben. Sie wurden zu einem Sammelbecken, ja zur Zuflucht jener Selbständigen wurden, bei denen die immer schwerer durchschaubaren, modenen wirtschaftspolitischen Entwicklungen zu einem großen Bedürfnis nach Solidarität führten.
Die einsetztende Technisierung und Industrialisierung hatten für Handwerk und Handel weitreichende Auswirkungen und förderten damit die Gründung der Gewerbevereine. 1792 wurde in Nürnberg unter dem Namen "Gesellschaft zur Förderung der vaterländischen Industrie" der älteste bayerische Gewerbeverein begründet. Am 18. April 1819 rief Ökonom Friedrich List auf der Frankfurter Messe mit 70 Kaufleuten aus Baden, Württemberg, Hessen-Darmstadt, Hessen-Nassau, Kurhessen, Bayern und Sachsen den "Deutschen Handels- und Gewerbsverein" ins Leben, den ersten freiwilligen Zusammenschluß von Selbständigen verschiedener deutscher Landesteile.
Der Verein verfolgte das Ziel, "auf verfassungs- und gesetzesmäßigem Wege zu streben, daß Handel und Gewerbe wieder gehoben werden". Zur publizistischen Unterstützung seiner wirtschaftlichen Ideen und Feldzüge schuf List das "Organ für den deutschen Handels- und Fabrikantenstand" als Wochenzeitschrift, in der er für die Zollfreiheit in den von Kleinstaaterei zersplitterten Deutschen Reich eintrat. Sein auf diesen damaligen Mißstand gemünztes Fazit "Trostlos ist der Zustand für Männer, welche Wirken und Handeln möchten" mag mancher Gewerbetreibende noch heute unterstreichen.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zur Gründung von Gewerbe-vereinen im ganzen Lande. Man richtete Lesezirkel und Büchereien ein, sorgte sich um eine gründliche Ausbildung der Jugend, gründete polytechnische Schulen, kümmerte sich um die soziale Absicherung durch Einrichtung von Unfall-, Kranken- und Sterbekassen, begründete genossenschaftliche Kredit-Institute und Beschaffungs-Organisationen und förderte den technischen Fortschritt. Der 1831 gegründete Gewerbeverein Schwäbisch-Hall unterheilt eine Fortbildungsschule mit gewerblicher und kaufmännischer Abteilung, nahm 1867 an der Weltausstellung in Paris teil und organisierte 1868 eine Gewerbe-Ausstellung, zu der 16.000 Besucher kamen. Zur gegenseitigen Geselligkeit organisierte man regelmäßig einen fasnachtsball. Der Kölner Gewerbeverein entstandte sogar Vertreter zur Weltausstellung nach Chicago.
Mit der Gewerbeordnung von 1862, die auch den Zunftzwang abschaffte, wurden zugleich die Gewerbevereine erstmals rechtlich abgesichet. In Paragraph 24 des Gesetzes hieß es: "Verbindungen von Gewerbetreibenden zur Förderung gemeinsamer gewerblicher Interessen verwalten als freie Vereine ihre Angelegenheit selbständig. Sie erlangen, wenn sie die Bestätigung ihrer Satzungen von Seiten der Regierung erwirken, als gewerbliche Genossenschaften die juristische Persönlichkeit". Zu dieser Zeit bestanden in Baden 78 Gewerbevereine, aus unserer Region der 1842 gegründete Gewerbeverein Mannheim und der 1857 gegründete Gewerbeverein Heidelberg.
Vom 6. bis 8. September 1891 wurde auf Einladung des Kölner Gewerbevereins der "Verband Deutscher Gewerbevereine" gegründet, zu der sich 70 Verterter der bedeutendsten Gewerbevereine und Landesgewerbeverbände in der Domstadt versammelten. Sieben Monate später wurde bereits die jeden Sonntag erscheinende Wochenzeitung "Gewerbeanzeiger" ins Leben gerufen. Bereits ein Jahr danach umfaßte der Verband 304 Gewerbevereine mit 32.000 Mitgliedern.
Am 17. November 1892 schrieb die angesehene "Frankfurter Zeitung" über die Gewerbevereine: "Die lebhafteste Unterstützung aller Kreise, welche Wert auf eine antireaktionäre Behandlung wirtschaftlicher Fragen legen, verdient die Vereinigung deutscher Kleingewerbetreibender, welche dieser Tage ihre erste Jahresversammlung nach der Gründung der Organisation abgehalten hat. Es handelt sich um den Verband Deutscher Gewerbevereine. In diesem Verbande liegt der erste Versuch vor, diejenigen Gewerbekreise, welche die Zünftlerbewegung unsympathisch gegenüberstehen, zu einer allgemeinen deutschen Vereinigung zusammenzufassen, und das halten wir für ein recht verdienstliches Unternehmen. Auf der Zünftlerseite mußte immer das große Geschrei der Führer die numerische Schwäche der Armee verdecken. Gerade der Umstand, daß auch andersartige Meinungen auf dem Verbandstag der Deutschen Gewerbevereine geäußert werden können, ohne gleich durch das Geschrei der Gegner übertönt zu werden, zeigt, daß der Verband keine eingherzige fanatische Interessenvertretung sein will, die jede gegenteilige Meinung verdammt, und diese Liberalität sichert eben die Zukunft."
Aufgrund der Öffentlichkeitsarbeit auch mit der eigenen Zeitung stieg die Zahl der Gewerbevereine weiter an. Besonders in den umliegenden Ortschaften von Neckarau entstanden zur Jahrhundertwende zahlreiche neue Gewerbevereine:
1888 Walldorf und Weinheim
1898 Großsachsen
1899 Ladenburg, Leutershausen, Seckenheim, Schriesheim
Auch in Neckarau muß um die Jahrhundertwende ein Gewerbeverein existiert haben. Im "Verzeichnis der im Deutschen Reiche bestehenden Vereine gewerblicher Unternehmer zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen" - welch ein Begriff! - aus dem Jahre 1903 findet sich unter dem Abschnitt 12. "Der Landesverband der badischen Gewerbevereine" unter der Mitglieds-Nummer 118 "Neckarau". Auch im Mitgliederverzeichnis des Badischen Landesverbandes des Deutschen Gewerbeverbandes vom 1. April 1928 ist, diesmal unter der Mitglieds-Nummer 223, ein "Gewerbeverein Neckarau" verzeichnet. Nähere Aufzeichnungen über diesen Verein sind weder beim Bund der Selbständigen, der Nachfolge-Organisation des Deutschen Gewerbe-Verbandes, noch in den Archiven des Vereins GeschichteAlt-Neckarau zu finden. Bis zur Gründung des GdS bleibt eine Interessenvertretung Neckarauer Gewerbetreibender im Dunkel der Geschichte verschwunden.
Text: Konstantin Groß

